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Die Einstellung gegenüber Robotern und ihrer Rolle in der Gesellschaft schwankt seit jeher zwischen Angst und Faszination. Nun, da die Robotik-Revolution uns unmittelbar bevorzustehen scheint – was bedeutet dies für die Perspektiven auf dem globalen Arbeitsmarkt? Fürchten wir uns zu Recht davor, oder sollten wir uns eher auf eine durch Roboter ermöglichte Utopie freuen?


Die Vorstellung, dass Maschinen den Menschen die Arbeitsplätze wegnehmen, ist nicht neu. Bei der ersten industriellen Revolution ersetzten Traktoren die Landarbeiter und Webstühle ersetzten die menschlichen Weber. Aber jetzt, wo die Roboter immer mehr Bereiche erobern, die früher ausschließlich den Menschen vorbehalten waren, sorgen sich viele um die langfristigen Auswirkungen.

Die Vorhersagen von Katastrophen wie Massenarbeitslosigkeit und Wirtschaftskrisen führen natürlich zu Besorgnis. Aber wie sieht die Zukunft der Arbeit tatsächlich aus?

Roboter im Arbeitsmarkt heute

Wir leben auch heute schon Seite an Seite mit Robotern. Sie befinden sich als Sprachassistenten in unseren Smartphones. Sie sind bei uns Zuhause und sagen uns, was wir als nächstes auf Netflix schauen können. Sie verpacken unsere Waren, überwachen unsere Häuser und werden bald unsere Autos fahren. Im Verbraucherbereich sind Roboter voll und ganz in unseren Alltag integriert.

Daher ist es nur natürlich, dass Roboter auch unseren Arbeitsplatz verändern. Und irgendwie war diese Entwicklung ja auch schon seit Längerem absehbar. Vom Computer und dem Internet über die Cloud und Big Data bis zu KI und Robotik – es ist ein natürlicher Schritt, dass die Technologie in die Arbeitswelt Einzug hält und damit die Effizienz verbessert und die Produktivität steigert.

In vielen Branchen ist schon ein gewisses Maß an Automatisierung offenkundig. Allerdings, und darin besteht ein Unterschied zur ersten industriellen Revolution, sind es nicht alleine die Arbeitsplätze von Arbeitern, die gefährdet sind. Schon bald werden sich auch die Büroangestellten vorsehen müssen.

 

Stellenbeschreibung Ersatz
Repetitive Bewegungen Roboter
Intellektuelle Verarbeitung großer Datenvolumen Kognitives Computing
Erbringung von Kundendienst Selbstbedienungsmaschinen

Lager

SoMa, Ocado Technology
Credit: SoMa, Ocado Technology

Ein Roboterarm, der Obst und Gemüse greifen und verpacken kann, wird aktuell vom britischen Online-Supermarkt Ocado getestet. Die Technik wird in Zusammenarbeit mit akademischen Institutionen in Deutschland, Italien und Österreich entwickelt. Der Arm soll die unterschiedlichen Formen von Obst und Gemüse effizient handeln und dabei behutsam mit den empfindlichen Lebensmitteln umgehen. Der SoMa-Robotikarm ist ein Teil des Projekts SecondHands und gesellt sich zu einer Reihe anderer Roboter, die in den Lagerhäusern von Ocado schon im Einsatz sind.

Produktionstechnik

GM Automated Guided Vehicles
Credit: Jeffrey Sauger for General Motors

General Motors wurde lange Zeit als ein Pionier bei der Verwendung von Robotern an den Fertigungslinien betrachtet. Kürzlich wurden kollaborative Roboter im Werk in Orion, Michigan, eingeführt. Diese arbeiten nicht alleine, sondern an der Seite von Menschen, indem sie die körperlich anstrengenden Arbeiten übernehmen, wie das Stapeln von Reifen. Die Idee dahinter ist, die Ermüdung der Arbeiter durch repetitive Bewegungen zu reduzieren und ihnen damit die Möglichkeit zu geben, sich stattdessen auf die Problemlösung zu konzentrieren.

Radiologie

Die Ermüdung der Augen ist ein häufiges Problem für Radiologen, die täglich eine große Anzahl von Bildern kritisch prüfen müssen. Um diesbezüglich Abhilfe zu schaffen, arbeitet IBM an einem Projekt namens Medical Sieve, einem Assistenten mit Künstlicher Intelligenz, der Hilfestellung bei der klinischen Entscheidungsfindung in Radiologie und Kardiologie bietet. Dieser Assistent soll Röntgenaufnahmen filtern und analysieren können und dabei die Krankheiten schneller und zuverlässiger erkennen als die Ärzte.

Roboter im Arbeitsmarkt morgen

„Offshoring hat in den letzten Jahrzehnten physische Arbeitsplätze und ganze Branchen zerstört, und diese Arbeitsplätze wurden nicht ersetzt. Die gegenwärtige Verschiebung von Arbeitsplätzen von der physischen zur virtuellen Wirtschaft ist eine andere Art von Offshoring, nicht in ein anderes Land, sondern in den virtuellen Bereich. Wenn wir in die jüngste Geschichte schauen, können wir hier ebenfalls nicht davon ausgehen, dass diese Arbeitsplätze ersetzt werden.“

W Brian Arthur (über McKinsey)

 

Die Zahlen zur Geschwindigkeit der Automation unterscheiden sich je nach Quelle:

Eine Studie der Oxford University aus dem Jahr 2013 schätzt, dass bis 2033 47 % der Arbeitsplätze in den USA durch die Automatisierung „gefährdet“ sind, während 35 % der Arbeitsplätze in Großbritannien überflüssig werden könnten.

McKinsey prognostiziert, dass bis zum Jahr 2030 zwischen 400 Millionen und 800 Millionen Menschen eine neue Arbeit finden müssen.

Eine Umfrage der Universitäten Oxford und Yale aus dem Jahr 2017 hat herausgefunden, dass viele Wissenschaftler prognostizieren, dass die KI die Menschen innerhalb der nächsten zehn Jahre in vielen Bereichen übertreffen wird. Beispiele sind unter anderem die Übersetzung von Sprachen (bis 2024), das Schreiben von Schulaufsätzen (bis 2026) und die Arbeit als Chirurg (bis 2053).

Gemäß der Weltbankgruppe könnten zwei Drittel der Arbeitsplätze in den Entwicklungsländern automatisiert werden, obschon einige Sachverständige davon ausgehen, dass den ärmeren Ländern weniger Geld für Investitionen in die Automatisierung zur Verfügung steht und diese damit nicht die volle Wucht der Verdrängung der Arbeitsplätze zu spüren bekommen werden.

Eine Forschungsarbeit von McKinsey aus dem Jahr 2015 deutet darauf hin, dass weniger als 5 % der heutigen Arbeitsplätze mit der existierenden Technologie vollständig automatisiert werden können. Dieser eher geringe Prozentsatz erklärt sich damit, dass die von Menschen erledigte Arbeit zu vielfältig ist, um von Robotern ausgeführt zu werden. Die Forschungsarbeit sagt stattdessen aus, dass 60 % der Arbeitsplätze sich so verändern könnten, dass ein Drittel der Tätigkeit, die sie heute umfassen, von Robotern übernommen wird. Kurz: die meisten von uns werden ihren Job wohl behalten, aber die Art, wie wir unsere Arbeit erledigen, wird sich verändern.

Future of work

Quelle: Ioannis Oikonomou


Nach Angaben von McKinsey werden bis zum Jahr 2030 zwischen 400 Millionen und 800 Millionen Menschen weltweit eine neue Arbeit finden müssen

Welche Arbeitsplätze sind am stärksten gefährdet?

Eine oft zitierte Studie der Oxford University hat die Wahrscheinlichkeit der Automatisierung bei einer Reihe unterschiedlicher Berufe analysiert.

Von 700 Berufsbildern haben unter anderem die folgenden eine 99 %ige Chance auf Automatisierung:

  1. Facharbeiter in mathematischen Berufen
  2. Versicherungsvertreter
  3. Uhrmacher
  4. Frachtspediteure und Frachtvermittler
  5. Steuerberater
  6. Arbeiter in der Fotografieverarbeitung und Bediener von Verarbeitungsmaschinen
  7. Sachbearbeiter für Kontoeröffnungen
  8. Bibliothekstechniker
  9. Datenerfasser
  10. Monteure und Einsteller für Zeitmessgeräte

Dennoch prognostiziert die Studie, dass die Automatisierung bei einigen Berufen unwahrscheinlich sei. Berufe, bei denen die Wahrscheinlichkeit der Automatisierung bei 0,36 % oder weniger liegt (basierend auf der aktuellen Technologie), sind unter anderem:

  1. Rehabilitationstherapeuten
  2. Vorgesetzte mit direkter Führungsverantwortung von Mechanikern, Installateuren und Reparateuren
  3. Leiter für Notfallmanagement
  4. Sozialarbeiter in den Bereichen mentale Gesundheit und Drogenmissbrauch
  5. Audiologen
  6. Ergotherapeuten
  7. Orthopädietechniker
  8. Sozialarbeiter im Gesundheitswesen
  9. Kieferchirurgen
  10. Vorgesetzte mit direkter Führungsverantwortung von Feuerwehrleuten und Feuerpräventionsfachkräften

Die Arbeitsplätze, die am wahrscheinlichsten automatisiert werden, sind jene mit vorhersehbaren und repetitiven Arbeitsabläufen. Die Arbeitsplätze, die wenig wahrscheinlich automatisiert werden, sind jene, die ein hohes Maß an menschlicher Interaktion, Kreativität und oft auch eine langjährige Ausbildung bedingen.

Aber für all jene, die sich um ihre Zukunftsperspektiven sorgen – es ist nicht alles schlecht. Ein Bericht von The Economist vertritt die Ansicht, dass durch die Automatisierung tatsächlich mehr Arbeitsplätze entstehen sollen. Laut einigen Quellen wird die Automatisierung in den nächsten zehn Jahren 13,6 Million neue Stellen schaffen. Diese werden allerdings vorwiegend in den Bereichen Engineering, Softwareentwicklung, Wartung, Design und Schulung liegen – es handelt sich hierbei um Rollen, die aufgrund der zunehmenden Präsenz der Maschinen nötig werden.

Was die Zukunft bringt

Sofern die Automatisierung richtig eingeführt und umgesetzt wird, birgt sie ein enormes Potenzial für die Menschheit. Der Lebensstandard kann verbessert und die Knappheit der Waren reduziert werden. Die Arbeiter können mehr Freizeit genießen und sich kreativen Tätigkeiten widmen. Zudem können die Produktionsprozesse effizienter, sicherer und umweltfreundlicher gestaltet werden. Gemäß McKinsey könnte die umfassende Nutzung von KI, maschinellem Lernen und Robotik die weltweite Produktivität zwischen 0,8 % und 1,4 % pro Jahr steigern.

Eine Frage aber bleibt: Was bedeutet das nun für die Massen der verdrängten Arbeiter und die wirtschaftlichen Umbrüche, die sich aus der Automatisierung ergeben? Löhne werden oftmals gedrückt, wenn sich Arbeitsplätze verlagern. Es wird langfristiger Strategien bedürfen, um jene zu unterstützen, die auf der Verliererseite stehen. Einige Lösungen werden heute schon in Betracht gezogen.

Robotersteuern und universales Grundeinkommen

Manche meinen, dass Geldtransfers die beste Lösung sind, um sicherzustellen, dass jeder in der Gesellschaft von der Automatisierung profitiert, und nicht nur diejenigen an der Spitze eines Technologieunternehmens. Die Idee ist, jedem Bürger regelmäßig eine gewisse Summe auszuzahlen, unabhängig vom Beschäftigungsstatus. Dahinter steht die Hoffnung, so den unbeabsichtigten wirtschaftlichen Folgen der Automatisierung entgegenzuwirken.

 

„Es besteht eine ziemlich gute Chance, dass wir aufgrund der Automatisierung am Ende so etwas wie ein universales Grundeinkommen oder etwas Ähnliches haben werden.“

Elon Musk, in einem Interview mit CNBC

 

„Ein Grundeinkommen wird immer wichtiger. Wenn viel mehr Wohlstand durch die KI generiert wird, dann sollte ein Land mindestens dazu in der Lage sein, sicherzustellen, dass der Großteil dieses durch die KI generierten Wohlstands dazu verwendet wird, ein Sicherheitsnetz für alle zu schaffen.“

Richard Branson, in einem Interview mit Business Insider

 

„Aktuell arbeitet ein Mensch für, sagen wir, 50.000 US-Dollar in einer Fabrik. Auf dieses Einkommen zahlt er Steuern, z. B. Einkommenssteuer, Sozialversicherung, usw. Wenn ein Roboter die gleichen Arbeiten erledigt, müsste man nun davon ausgehen, dass man den Roboter ähnlich besteuert.“

Bill Gates, im Gespräch mit Quartz

 

Das Geld käme aus Steuern, die in der Privatwirtschaft erhoben würden. Diese könnte es sich leisten, weil dank der Roboter auch größere Gewinne erzielt würden. Die Privatwirtschaft würde auch davon profitieren, dass mehr Verbraucher Waren kaufen. Und mit der Verteuerung der Automatisierung haben die Regierungen ein Werkzeug, um die Geschwindigkeit der Automatisierung zu beeinflussen und andere Arten der Beschäftigung zu finanzieren.

Viele Experten unterstützen einen solchen Plan. Die Kritiker allerdings befürchten, dass eine Roboterabgabe Wachstum und Innovation behindern würde.

 

„Das Problem ist, dass die Definition viel zu weit gefasst ist und fast alles umfassen würde, was Technologie ist – inklusive der meisten modernen Haushaltsgeräte, Computer und Smartphones, die dann als Roboter gelten würden. Wo also die Grenze ziehen? Und überhaupt, warum Roboter besteuern, nicht aber andere Technologien, welche die Automatisierung fördern, die Produktivität steigern, oder die Qualität erhöhen?”

Steve Cousins, CEO von Savioke

 

Dieser Wohlstandstransfer von jenen, die in die KI investiert und davon profitiert haben, hin zu den verdrängten Arbeitern, könnte einige der wirtschaftlichen Folgen der Automatisierung abfedern. Die Investition in die KI ist aber von Land zu Land unterschiedlich und einige Länder könnten nur schwer Schritt halten. Wenn die Bevölkerung jener Länder Arbeitsplätze verliert, weil die Arbeit woanders effizienter von Maschinen erledigt werden kann – woher kommt dann der Wohlstandstransfer?

Im Jahr 2017 hat Südkorea die weltweit erste Steuer auf Roboter eingeführt. Wie von der Korea Times berichtet wurde, war dies keine direkte Steuer, sondern eine Begrenzung der Steueranreize für Investitionen in automatisierte Maschinen. Aber man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Politik eine Maßnahme sein sollte, um einem absehbaren Einkommenssteuerrückgang entgegenzuwirken, der sich ergibt, wenn die Maschinen die Arbeit von Menschen übernehmen, und um den Sozialhaushalt der Regierung auf die erwartete steigende Arbeitslosigkeit vorzubereiten.

Die Roboter kommen, was nun?

Wie können wir uns vorbereiten und sicherstellen, dass wir bereit sind für diese neue roboterbetriebene Welt? Es ist eine enorme Veränderung, die einen vielschichtigen Ansatz erfordert.

Die Investition in zukünftige Fähigkeiten ist unverzichtbar. Die Lehrpläne der Schulen werden an künftige Bedürfnisse angepasst werden müssen. Gleichzeitig werden auch die Mitarbeiter während ihrer gesamten beruflichen Laufbahn ständig ihre Fähigkeiten aufwerten und neue Fertigkeiten erlernen müssen. Unternehmen und Ausbildungsstätten werden hier stets zur Hand sein müssen, um dies zu ermöglichen.

Die öffentlichen Einrichtungen werden benötigt, um die Auswirkungen der Automatisierung auf die Gesellschaft zu regulieren und die mit dem Thema verbundenen ethischen Fragen zu klären. Sie sollten in der Lage sein, Regulierungsbehörden und private Unternehmen anzuleiten, damit die Automatisierung nicht zu einer Verschärfung der sozialen Ungleichheit führt. Eine Arbeitslosenversicherung und die garantierte Unterstützung bei der Arbeitssuche sind nur einige Möglichkeiten, die es sich zu erkunden lohnt.

Außerdem ist es unerlässlich, dass die Roboter der Zukunft eine breitere Palette an Bedürfnissen abdecken. Derzeit sind 70 % bis 90 % der Arbeitskräfte bei einigen der größten Technologieunternehmen Männer. Dies könnte eine Zukunft erschaffen, in der Roboter nicht auf die Bedürfnisse der Gesellschaft insgesamt zugeschnitten sind. Frauen und bestimmte ethnische Minderheiten erledigen mit größerer Wahrscheinlichkeit weniger qualifizierte Arbeiten. Die Ungleichheiten könnten noch ausgeprägter werden, wenn die Automatisierung diese Arbeitskräfte verdrängen sollte.

Quelle: Ioannis Oikonomou


Roboter haben ein großes Potenzial, unsere Arbeitsstellen zu verbessern, uns die unangenehmen, repetitiven Arbeiten abzunehmen und uns damit den Freiraum zu geben, uns mit kreativeren Aufgaben zu befassen.

Robots and the future of work

Roboter – die Arbeitskräfte von Morgen

Wenn man sich an den vergangenen industriellen Revolutionen orientiert, ist es zwecklos, sich technologischen Entwicklungen zu widersetzen. Roboter haben ein großes Potenzial, unsere Arbeitsstellen zu verbessern, uns die unangenehmen, repetitiven Arbeiten abzunehmen und uns damit den Freiraum zu geben, uns mit kreativeren Aufgaben zu befassen. Dadurch entstehen Wohlstand und Freizeit. Aber damit diese Revolution sanft stattfinden und für alle Menschen zum Vorteil gereichen kann, muss die Geschwindigkeit, mit der die Automatisierung fortschreitet, gut gesteuert werden. Es ist unerlässlich, dass Unternehmen und Behörden zusammenarbeiten und jetzt handeln, um sicherzustellen, dass die Welt von Morgen eine gerechte Welt ist.