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Menschenähnliche Roboter werden unsere Gesellschaft weiter verändern. Doch gibt es eine Grenze dafür, wie „menschlich“ wir Maschinen machen können? Und welche Auswirkungen hat es, wenn wir Roboter nach menschlichem Vorbild bauen?


Man hört oft, dass bestimmte Attribute wie Moral, Emotion und Kultur allein dem Menschen vorbehalten sind. Sie unterscheiden uns von Tieren und anderen Lebensformen. Tatsächlich beschrieb der Philosoph Aristoteles das Menschengelschlecht als „rationale Tiere“, die vernunftbegabt sind. Wir streben nach Wissen um seiner selbst willen.

Doch was wäre, wenn wir diese Attribute auf einen Roboter übertragen könnten? Wenn ein Roboter Mitgefühl haben oder Kreativität entfalten könnte, würde ihn das „menschlich“ machen? Dies mag wie eine weit hergeholte Frage erscheinen, doch sie ist näher an der Realität, als Sie denken.

Dank besserer Computer-Hardware und -Software entwickelt KI sich rasend schnell. Daher könnte es nicht mehr lange dauern, bis Arbeitsplätze, die traditionell als „sicher“ angesehen wurden, ebenfalls automatisiert werden.

Laut einer Studie von Forschern der Universitäten Oxford und Yale wird KI in den nächsten 45 Jahren voraussichtlich alle menschlichen Tätigkeiten und in den nächsten 120 Jahren alle menschlichen Berufe automatisiert haben. Berufe mit berechenbaren und monotonen Aufgaben werden zuerst automatisiert, aber Berufe, die ein hohes Maß an Kreativität und emotionaler Intelligenz erfordern, werden folgen. Ungeachtet der Komplexität, Kreativität oder Fertigkeiten, die bestimmte Berufe beinhalten – die Roboter sind auch hier auf dem Vormarsch.

Was bedeutet das also für die heutige Gesellschaft, und was können wir in den kommenden Jahren von menschenähnlichen Robotern erwarten?

Die „Menschlichkeit“ heutiger Roboter

Wenn Sie diesen Artikel lesen, stellen typische menschliche Handlungen für Sie wahrscheinlich keinerlei Problem dar. Sie können sich auf dieser Webseite zurechtfinden, die Informationen in Ihrem eigenen Tempo verarbeiten und sich eine Meinung zu den behandelten Themen bilden. Wahrscheinlich sitzen Sie auf einem Stuhl. Möglicherweise essen Sie dabei einen Snack. Für Sie sind diese Aktivitäten nichts Besonderes.

Doch für Roboter und ihre Entwickler hat sich das Nachahmen dieser simplen Verhaltensweisen als extrem schwierig erwiesen. Menschen sind offensichtlich komplexe Lebewesen. Wie wir eine Szene vor uns sehen oder wie wir uns in einem Gelände zurechtfinden, ist für einen Roboter schwer zu replizieren. Während wir Menschen sehr gut darin sind, unsere Fähigkeiten an neue oder dynamische Umgebungen anzupassen, müssen Roboter wissen, was als nächstes kommt, um funktionieren zu können.

Robonaut (R2)

Quelle: Nasa


Nasas Robonaut (R2), Fotografen: Robert Markowitz und Bill Stafford

Videos von türöffnenden Roboterhunden und Rückwärtssaltos schlagenden Humanoiden befeuern die Vorstellungskraft (und Ängste) der Menschen – doch verwechseln Menschen Maschinenleistung mit Intelligenz?

„Ein KI-System kann fantastisch Schach spielen, ohne zu wissen, dass es gerade ein Spiel spielt. Wir verwechseln die Leistung der Maschinen mit Kompetenz. Wenn wir sehen, dass ein Programm etwas lernt, das ein Mensch lernen kann, denken wir fälschlicherweise, dass es dabei das gleiche Maß an Verständnis entwickelt wie wir.“

Rodney Brooks, Vorstandsvorsitzender und CTO bei Rethink Robotics

KI steckt in vielerlei Hinsicht noch in den Kinderschuhen. Anders als Menschen, die ein größeres und tieferes Verständnis der Welt um uns herum haben, fehlt KI-Maschinen weiterhin die Fähigkeit, Kontext zu verstehen.

Kurz gesagt: Für Roboter sind schwierige Aufgaben oft leicht, leichte Aufgaben dagegen schwierig. Sie spielen meisterhaft Schach auf höchstem Niveau, haben aber Probleme beim Einräumen einer Spülmaschine. Und obwohl die moderne IT-Terminologie sich stark bei menschlichen Eigenschaften bedient (Computer können sich einen „Virus“ einfangen, CDs „lesen“ und Dateien „schreiben“), sind die Roboter, die aktuell entwickelt werden, noch weit davon entfernt, menschlich zu sein.

Forscher arbeiten jedoch daran, diese Lücke zu schließen. Sie versuchen nicht nur, die technischen Fähigkeiten von Robotern zu verbessern, sodass diese Umgebungen besser verarbeiten können – sie erhöhen auch das soziale Potenzial der Roboter.

Im Bereich der sozialen Robotik geht es darum, Roboter unter dem Gesichtspunkt menschlicher Verhaltensmerkmale zu entwickeln. Dies beinhaltet alles von der Art und Weise, wie Roboter sprechen oder sitzen, bis hin zu ihrer Reaktion auf verschiedene Umgebungen oder Menschen. Ziel ist, dass Roboter das soziale Verhalten von Menschen so realistisch wie möglich nachahmen.

Dies hat zweierlei Vorteile:

Zunächst kann die Öffentlichkeit so einfacher mit Robotern interagieren. Da diese Roboter sich wie Menschen verhalten, bedarf es wenig vorangehendem Training oder Erfahrung. Beispielsweise suchen Menschen oft Blickkontakt mit Fahrern, bevor sie die Straße überqueren. Sollten fahrerlose Autos eingeführt werden, müssen diese Autos auf eine ähnliche Weise mit Fußgängern kommunizieren können. In diesem Fall könnten Roboter über Lichter verfügen, die bei bestehendem Blickkontakt blinken.

Zweitens werden Roboter so besser in die Gesellschaft integriert. Denken Sie beispielsweise an den Arbeitsplatz. Die beste Zusammenarbeit geschieht dann, wenn Personen ein gutes Verhältnis zueinander aufbauen. Soziale Robotik, bei der menschliche Eigenschaften wie Humor oder Ausstrahlung entwickelt werden, kann den Aufbau von Beziehungen unterstützen.

Selbst wenn wir Roboter entwickeln könnten, die unsere physischen Bewegungen und Interaktionen nachahmen können – könnten sie wirklich denken und handeln wie wir? Kreativität und emotionale Intelligenz werden als zwei Dinge angesehen, die von Natur aus menschlich sind… doch sind sie das?

Können wir Robotern Kreativität beibringen?

Roboter helfen Menschen dabei, Tag für Tag kreativer zu werden. Neue Tools für die Herstellung von Bildern und die Komposition von Musik helfen dabei, die Grenzen des menschlich Möglichen auszudehnen. Dank Robotern, die sich um die zeitaufwendigen und nicht-kreativen Aufgaben kümmern, können sich Künstler ganz auf ihre Kunst konzentrieren, ohne Zeit mit Steuererklärungen zu verschwenden.

Es bleibt jedoch die schwierige Frage, ob Roboter selbst Kunst produzieren können. Zunächst benötigt man eine Definition von Kreativität.

Margaret Boden, eine Kognitionswissenschaftlerin an der University of Sussex, definiert Kreativität als „die Fähigkeit, Ideen oder Artefakte zu entwickeln, die neu, überraschend und wertvoll sind“. Ideen beinhalten Dinge wie Gedichte, Lieder, Witze oder wissenschaftliche Theorien, während Artefakte alles von Skulpturen über Gemälde bis hin zu Staubsaugern sein können.

Quelle: Banksy / Foto von Scott Lynch [CC BY-SA 2.0]


„Kreativität ist die Fähigkeit, Ideen oder Artefakte zu entwickeln, die neu, überraschend und wertvoll sind.“

—Margaret Boden, University of Sussex

Banksy robot art

„Neu“ und „überraschend“ sind äußerst schwer zu automatisieren. Automatisierung stützt sich auf explizite Anweisungen und Grenzen – also das genaue Gegenteil von Kreativität. Zusätzlich erfordert Kreativität in der Kunst, beim Schreiben oder in der Musik individuelle Erfahrungen. Werke sind kreativ, weil ihre Schöpfer die Grundprinzipien ihres Handwerks verstehen und aus verschiedenen Inspirationen, etwas „Neues“ erschaffen.

Zusätzlich argumentieren einige, dass ein Computer niemals wirklich kreativ sein kann, selbst wenn er in der Lage ist, „kreative“ Werke zu schaffen. Das liegt daran, dass es eigentlich die Kreativität des Programmierers ist, die hier zu Tage tritt. Wie der Pinsel das Werkzeug von Monet und die Kamera das Werkzeug von May Ray war, so ist die KI das Werkzeug des jeweiligen Benutzers.

Trotzdem existieren bereits zahlreiche Beispiele für Roboter, die sich (oder ihre Entwickler) künstlerisch ausdrücken.

Expressive Roboter heute

Aiva

Aiva steht für „Artificial Intelligence Virtual Artist“ (Virtueller Künstler mit künstlicher Intelligenz) und ist eine KI, die klassische Musik komponieren kann. Sie hat kürzlich als erste KI offiziell den Status eines Komponisten erlangt hat – was ihr gemäß der Urheberrechtsgesetze in Frankreich und Luxemburg sogar Urheberrechte verleiht.

Sie verwendet Deep Learning auf der Basis von Kompositionen berühmter Komponisten wie Beethoven und Mozart (deren Werke nicht urheberrechtlich geschützt sind), um Symphonien zu komponieren. Aus dieser Analyse erschafft sie eigene Werke basierend darauf, welche Notenfolgen für sie „richtig“ klingen. Die Noten werden dann von professionellen Künstlern mit echten Instrumenten gespielt und in einem Tonstudio aufgenommen.

RoboThespian

RoboThespian
Credit: Scailyna (Own work) [CC BY-SA 4.0]

RoboThespian ist ein schauspielernder, humanoider Roboter. Der von der britischen Firma Engineered Arts entwickelte Roboter kann sprechen und verfügt über Mienenspiel. Derzeit wird er bei Firmenveranstaltungen und in Museen eingesetzt, um Besucher zu unterhalten und mit ihnen zu kommunizieren. Er hat auch schon auf der Bühne gestanden und eine Hauptrolle in einem Stück namens Spillkin gespielt.

Botnik

Botnik ist ein KI-gestütztes Tool, das verschiedene von Menschen erstellte Inhalte von Seinfeld-Drehbüchern bis hin zu Harry Potter-Romanen verwendet, um kreative, prädiktive Tastaturen bereitzustellen. Mit diesen können neue Versionen bereits vorhandener Werke geschrieben werden. Sie haben bereits neue Versionen der Harry Potter-Bücher sowie neue Episoden von Scrubs, Akte X und Seinfeld geschrieben. „Das Konzept von Botnik ist, dass sich Menschen und Maschinen gemeinsam Dinge ausdenken, auf die sie allein niemals gekommen wären“, erklärt Jamie Brew, CEO und Mitgründer von Botnik.

Kann KI also kreativ sein? KI kann heute schon Gedichte schreiben, jedoch keine Romane. Sie kann schauspielern, aber keine Filme kreieren. Sie kann technische Fähigkeiten nachahmen, bei Kreativität und absichtsvollem Verhalten ist sie aber noch weit unterlegen. Roboter können zwar etwas produzieren, das wie Kunst aussieht – ob es sich dabei wirklich um Kunst handelt, ist jedoch fragwürdig.

Können wir Robotern emotionale Intelligenz beibringen?

Die menschliche Intelligenz stützt sich auf ein komplexes Netzwerk aus Neuronen im Gehirn. Und obwohl immer noch unklar ist, wie genau dort Emotionen und Logik entstehen, versuchen Wissenschaftler, KI-Systeme zu entwickeln, die diese Intelligenz nachbilden.

Die nächsten Generationen werden mit KI aufwachsen und die Interaktion mit digitalen Schnittstellen wird bald Normalität sein. Wenn Roboter über eine gewisse emotionale Intelligenz verfügen, könnte dies die Angst lindern, dass Menschen eines Tages kein Mitgefühl mehr für ihre Mitmenschen empfinden können.

Jedoch müssen Roboter nicht übermäßig menschenähnlich sein, damit wir uns mit ihnen identifizieren können. Menschen neigen von Natur aus dazu, Roboter zu vermenschlichen und ihnen intelligente Eigenschaften zuzuschreiben, obwohl diese noch gar nicht existieren.

Es gibt einen klaren Trend zu menschlichen Namen für elektronische Geräte (z. B. „Alexa“ oder „Siri“) und zu Designs mit menschlichen Merkmalen (subtil mit blinzelnden Augen oder wie beim humanoiden Asimo von Honda mit ganzem Körper) – durch ein Verständnis dafür, wie wir uns in der Nähe von Robotern verhalten, können Forscher Roboter entwickeln, mit denen wir besser klarkommen.

Emotional intelligente Roboter heute

Emotional intelligente KI kann zur Verbesserung der Verkehrssicherheit eingesetzt werden, indem diese Müdigkeit und Abgelenktheit von Fahrern erkennt. Das Toyota Concept-i erforscht diese Möglichkeit mit verschieden Ansätzen. Es basiert auf KI, die menschliche Emotionen durch Analyse von Mimik, Gesprächsthemen und Fahrgewohnheiten evaluiert. Wenn das System feststellt, dass die Aufmerksamkeit nachlässt, kann es kleine Bewegungen am Fahrersitz auslösen oder einen Zwischenstopp vorschlagen. Wenn es feststellt, dass der Fahrer schlecht gelaunt ist, kann es andere Musik einstellen, um den Fahrer aufzuheitern. Wenn es feststellt, dass der Fahrer frustriert ist und im Stau steht, kann es rhythmisch Luft in den Fahrersitz einströmen lassen und ablassen und so die Atmung des Fahrers regulieren, um ihn zu beruhigen.

Emotional intelligente KI kann bei der Pflege psychisch kranker Menschen helfen. Cognito Companion ist eine solche App, die das Verhalten eines Patienten aufzeichnet. Standortdaten zeigen an, ob der Patient sein Haus einige Tage nicht verlassen hat, während Telefonprotokolle aufzeigen, ob der Patient möglicherweise wochenlang mit niemandem geredet hat. Mit KI werden Audio-Check-Ins analysiert, bei denen der Patient eine Sprachaufnahme hinterlässt. Erkennungstechniken und KI-Algorithmen können emotionale Signale wahrnehmen und erkennen, ob eine Person depressiv ist – mit diesen Daten können Ärzte die Fortschritte ihrer Patienten im Blick behalten.

SoftBank Robotics hat einen humanoiden Roboter namens Pepper zum Einsatz als Kundendienstmitarbeiter entwickelt. Er stützt sich bei der Kommunikation mit Menschen auf Berührungen, Stimme und Emotionen. Das Konzept ist, dass der Roboter erkennt, wenn eine Person traurig ist, und versucht, sie aufzuheitern. Dazu erzählt er beispielsweise einen Witz oder spielt fröhliche Musik ab. Seine Hersteller führen an, dass Pepper immer mehr über sein Umfeld lernt, je mehr Menschen mit ihm kommunizieren, und er dadurch in seiner Kommunikation immer persönlicher wird.

Pepper, SoftBank Robotics
Pepper, SoftBank Robotics

Diese Beispiele verdeutlichen, dass es noch ein weiter Weg bis zu einer emotional intelligenten KI ist. Und seien wir mal ehrlich: auch uns Menschen fällt es oft schwer, zu verstehen, was unsere Freunde und Familien empfinden – wie sollen Roboter diese Aufgabe dann bewältigen? Das menschliche Verhalten ist vielfältig, wechselhaft und oft unberechenbar. Roboter haben noch einen weiten Weg vor sich, bis sie diese feinen emotionalen Hinweise wahrnehmen können.

Der Weg, den Roboter vor sich haben

Jeden Tag werden Roboter fortschrittlicher, komplexer und menschlicher. Es ist wahrscheinlich, dass diese emotional intelligenten, sehr kreativen und zutiefst sozialen Maschinen eines Tages einen Großteil der menschlichen Arbeitskraft ersetzen. Doch nicht in näherer Zukunft.

Derzeit macht es Sinn, sich auf die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine zu konzentrieren, um das menschliche Potenzial auszubauen. Ob in Form von sichereren Straßen oder besser vernetzten Gemeinden – diese Technologien werden schon bald tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sein. Anstatt Angst vor der Zukunft mit Robotern zu haben, sollten wir uns besser darauf konzentrieren, wie wir Roboter dafür einsetzen können, die Menschheit zu stärken und unsere Ziele zu erreichen – indem wir kommunizieren, kreativ sind und „rationale Wesen“ bleiben.